Die
Gruppe FREISTIL spielt
Biografie-Theater seit April 2010. Dieses Format wurde
bereits 2003-2004 unter der Leitung von Christian
M. Schulz (Training,
Moderation und Live-Regie) mit anderen Spielern in Freiburg
gezeigt. Hier
die Antworten von Schulz auf die wichtigsten Fragen zum Biografie-Theater.
Warum Biografie-Theater?
Biografie-Theater ist eine der intensivsten und berührendsten Formen von
Improtheater, die es gibt. Keith Johnstone (der Erfinder dieses Formats) sagt
nicht umsonst, daß die meisten Impro-Szenen, an die er sich noch erinnern
kann, bei Biografie-Theater ("Life Game") Aufführungen entstanden
sind, eine Erfahrung, die ich inzwischen teilen kann.
Was ist auf dem Plakat (Abbildung rechts) zu sehen?
Das Plakat zeigt private Fotos von vier Personen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis,
die sie mir freundlicherweise zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt hatten
und auf denen sie in verschiedenem Alter zu sehen sind: Vom Baby bis heute.
Allein diese Fotos sind schon spannend genug zum Anschauen!
Woher kommt der Gast beim Biografie-Theater?
Der Gast ist jemand, der sich bereits im Vorfeld der Aufführung bereit
erklärt hat, an diesem Abend zu kommen und aus seinem Leben zu erzählen.
Das heißt er kommt nicht aus dem Publikum und weiß vorher,
auf was er sich einlässt. Bisher sind alle Gäste (bis auf den
ersten) nach einer Aufführung, bei der sie zugeschaut hatten, auf mich zugekommen
und haben von sich aus angeboten, beim nächsten Auftritt als Gast wiederzukommen.
Das hat den Vorteil, daß sie den Ablauf schon kennen und wissen, auf was
sie sich einlassen.
Welche Informationen hat der Interviewer über den
Gast?
Ich führe mit dem Gast vor der Aufführung schon
ein kurzes Gespräch, bei dem ich nach ein paar Eckdaten
fragt. D. h., ich versuche eine Art Lebenslauf zu erstellen,
mit Informationen über den bisherigen Werdegang. Dadurch
habe ich bereits ein grobes Gerüst und kann später
spezifischer nachfragen. Ich frage vorher auch, ob es etwas gibt,
was der Gast gerne später erzählen möchte.
Muß der Gast alle Fragen an ihn beantworten?
Nein, der Gast wird zu Anfang darauf hingewiesen, daß er
jede Frage ablehnen kann, die er nicht beantworten will. Allerdings
ist es mir an den bisherigen fünf Abenden erst ein einziges Mal
gelungen, eine Frage zu stellen, die der Gast nicht beantworten
wollte.
Wie alt sollte der Gast sein?
Je nach Publikum: Eine 20jährige Frau
die bei der dritten Aufführung unser Gast war, aufgewachsen in einem gut
behüteten Elternhaus, hatte außer einigen "Pubertätsdramen"
noch nicht so viel erlebt. Das fanden dann einige ältere
Zuschauer nicht (mehr) so spannend. Umgekehrt fanden gleichaltrige (d.h.
jüngere) Zuschauer hinterher gerade diesen Abend im Vergleich
am besten! Seither kündigen wir im Vorfeld das Alter des
Gastes (neben seinem Vornamen) mit an, damit die Zuschauer entscheiden
können, ob sie Interesse am Leben eines Menschen diesen
Jahrgangs haben.
Was ist das Ziel bei den Szenen?
Es geht darum, Szenen aus dem Leben des Gastes zu zeigen, wie
sie (aus der Erinnerung des Gastes) wirklich waren. Es wird
also nichts veralbert, parodiert oder karikiert - im Gegenteil!
Es geht darum die „Wahrheit“ des Gastes zu spielen.
Der Gast wählt dazu als erstes auf der Bühne einen
Spieler aus, der ihn in jeder Szene darstellen wird. Danach befragt
der Moderator den Gast (wie in einer Talkshow) zu seinem Leben,
wobei alles, was er erzählt, in improvisierten Szenen so
genau wie möglich dargestellt wird.
Mit welcher Szene beginnt die Aufführung?
Wir beginnen in der Regel mit einer typischen Szene beim Essen,
aus der Zeit als der Gast noch ein Kind war. Er wählt vorher
die Spieler aus, die seine Eltern und die anderen am Tisch spielen
(z.B. Geschwister, Onkels, Großeltern usw.) und beschreibt
jede Figur kurz mit drei Adjektiven. Schon der Einblick in eine
typische Essenszene ist sehr interessant, weil man sieht, wie
unterschiedlich jede Familie ist und erstaunt ist, daß es
bei anderen Menschen nicht so war, wie bei einem selber. Oder
man sieht Parallelen zu eigenen Familienmitgliedern oder sich
selber.
Welche Funktion hat die Hupe und die Glocke?
Der Gast bekommt zu Beginn eine Fahrradglocke und eine Hupe.
Sobald die Szene startet, soll er jedes Mal klingeln, wenn
einer der Spieler etwas sagt oder tut was wirklich so gewesen
ist oder hätte sein können. Jedes Mal wenn einer
der Spieler etwas sagt oder tut, was die Person, die er darstellt,
nie gesagt oder getan hätte, hupt der Gast. Dann bietet
der Spieler etwas anderes an oder der Gast erzählt kurz
wie es wirklich war. Diese Möglichkeiten hat der Gast
auch in allen folgenden Szenen.
Das Faszinierende ist, zu erleben, wie der Gast am Anfang einer
Szene einige Male hupt, bis die Spieler sich so weit in ihre
Figur eingefühlt haben, daß sie plötzlich „wissen“ wie
es damals war. Oft gibt es einen Punkt in der Szene, ab dem der
Gast nur noch klingelt: Die Spieler spielen Dinge und sagen Sachen,
die der Gast noch gar nicht erzählt hatte! Gleichzeitig
gibt es immer wieder Situationskomik und es wird zwischendurch
viel gelacht, denn durch die Hupe ist das ganze ja wie ein Ratespiel,
bei dem es jedes Mal witzig ist, wenn ein Spieler falsch liegt.
Wie unterscheiden sich die Szenen beim Biografie-Theater
von denen beim Theatersport?
Die Art zu spielen unterscheidet sich sehr deutlich von der
beim Theatersport. Während es beim Theatersport oft
um Übertreibung geht, beziehungsweise um starkes, extrovertiertes
Spielen und dort auch viel parodiert wird, müssen die Darsteller
beim Biografie-Theater sehr reduziert und zurückhaltend
spielen (mehr wie die Schauspieler in Kinofilmen, wo schon das
Heben einer Augenbraue in Großaufnahme viel aussagt). Gerade
das bewirkt aber die Faszination: die Szenen wirken teilweise
so echt, als ob es kein Theater wäre. Manchmal hält
das gesamte Publikum den Atem an, weil es so spannend, traurig
oder rührend ist.
Welche Funktion hat der Live-Regisseur?
Der Live-Regisseur hat die Aufgabe, die Geschichten, die der
Gast erzählt, in Theaterszenen und -bilder zu übersetzen.
Dazu gibt er Anweisungen für das Bühnenbild und den
Szenenaufbau und kann in die Szenen eingreifen. Er kann Sätze
und Handlungen vorgeben, den Spielern ihre Motive, Ziele oder
Gefühle erklären und winkt an einer geeigneten Stelle
das Licht herunter. Er kann aber auch Szenen "erfinden",
d.h. Szenen, die es so eigentlich nie gab - aber die im Zusammenhang
mit der Biografie des Gastes stehen, z.B. um dessen Wünsche
und Träume szenisch umzusetzen.
Was passiert in der Pause der Aufführung?
In der Pause können die Zuschauer Fragen auf Zettel schreiben,
von denen der Gast nach der Pause vier zieht und eine davon beantworten
kann - wenn er will...
Wie geht es nach der Pause weiter?
In der zweiten Hälfte des Abends wird es meist immer persönlicher
und berührender. Es kann sein, daß es um sehr dramatische
und existentielle Szenen geht (Geburt, Trennung, Tod von Angehörigen).
Wie endet die Aufführung?
Am Ende der Aufführung stelle ich meist die Frage, wie
der Gast gerne selber einmal sterben würde. (Der Tod ist
das eigentliche Tabu in unserer Gesellschaft - nicht etwa Sex
oder Gewalt!) Tatsächlich hatte bisher jeder Gast ein anderes
Bild davon, wie sein Tod aussehen sollte. Und jeder hatte am
Ende des Abends so viel Vertrauen zu uns, daß er bereitwillig,
offen und ohne Scheu darüber sprach. Aber der Tod ist nicht
die letzte Szene! Es gibt nach dieser sehr anrührenden Szene
immer noch eine weitere Szene, die meist im Himmel spielt. Auch
das ist immer ein sehr packender Moment. Am Ende bedanken sich
alle Spieler beim Gast und wir gehen gemeinsam ab.
Ist das Leben von ganz normalen Menschen denn interessant
genug?
Es gab bisher keinen „langweiligen“ Gast. Jeder
Mensch hat viele interessante Dinge zu erzählen. Im
Laufe des Abends wird der Gast zu den Stationen seines Lebens
befragt: Elternhaus, Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft
und Familie. Es gibt in jeder Biografie eine Fülle von spannenden
und interessanten Szenen. Selbst eine einfache „Erste Kuß-Szene" (ernsthaft
und realistisch gespielt) wird alle Zuschauer faszinieren, weil
sie mit eigenen Erfahrungen vergleichen können.
Ist das nicht Therapie?
Nein, Biografie-Theater ist (anders als Psychodrama) eindeutig
Theater. Zum einen ist es sehr unterhaltsam und es wird viel
gelacht. Zum anderen geht es nicht darum, irgendjemanden zu "heilen".
Das Format hat zwar (nur anfangs) Parallelen mit Hellingers „Familienaufstellungen“,
das Ziel ist aber einfach, gute (d.h. packende und berührende)
Theaterszenen zu improvisieren.
Der Gast erzählt übrigends auf der Bühne nichts,
daß er noch nicht für sich bereits verarbeitet hat.
Und es gab bisher noch keinen Gast, der „die Kontrolle
verlor“, in Tränen ausbrach oder hinterher bereut
hat, was er öffentlich erzählt hat. Im Gegenteil, er
freut sich in der Regel am Interesse an seinem Leben und über
die Möglichkeit, sein eigenes Leben mal von außen
als Zuschauer sehen zu können. Das Publikum macht sich meist
mehr Sorgen um den Gast als dieser nötig hat.
Ist das nicht Voyeurismus?
Nein, das Format ist nicht voyeuristisch. Jedenfalls nicht mehr
als eine Talkshow bei Johannes B. Kerner oder ein biografischer
Film.
Gibt es Biografie-Theater Workshops?
Ja, ich biete an, für
einen Biografie-Theater Workshop zu kommen - auch in andere Städte.
Selbst wenn man das Format nicht öffentlich aufführen
will, lernt man sehr viel über gutes (improvisiertes)
Theater, und wie man ernsthafte und berührende Szenen spielen
kann ohne platt oder peinlich zu wirken. Man profitiert auch für
alle anderen Improtheater-Formate, weil man lernt, interessante
und spannende Szenen zu improvisieren, die ohne Monster, sprechende
Kühlschränke oder Tonnen von Wackelpudding auskommen.
Außerdem wird die Atmosphäre in einer Gruppe durch einen
Biografie-Theater Workshop besser und persönlicher.
Wer dieses Format lieber beim „Meister“ persönlich kennenlernen
will, kann sich für einen Life Game Workshop mit Keith Johnstone in Deutschland
z.B. beim Deutschen Institut für Provokative Therapie (D.I.P.) anmelden
(www.provokativ.com). Das ist dann allerdings auf englisch, nicht ganz billig
und in einer sehr großen Gruppe, von denen die meisten noch nie Improtheater
gemacht haben, bzw. zum Großteil noch nicht mal Theatersport kennen oder
gesehen haben(!). Aber wie immer lohnt es sich allein wegen Keith und seiner
unnachahmlichen Art, den ich jedesmal mehr wegen seines Gespürs für
Menschen und Situationen bewundere.
Gibt es weitere Gruppen, die Biografie-Theater spielen?
Ich weiß es leider nicht. Bisher habe ich dieses Format noch nirgends in
Deutschland entdeckt. Dabei suche ich den Erfahrungsaustausch mit anderen Gruppen,
die ebenfalls dieses (oder ein ähnliches) Format spielen. Und ich suche
noch mehr schriftliche Informationen über Life Game/ Biografie-Theater.
Ich würde mich über Tips zu Büchern, Internet-Seiten, Kontaktadressen
usw. freuen!
Christian M. Schulz (FREISTIL Improvisationstheater)
Oberau 69
79 102 Freiburg
0761/ 29 222 00
Mail: christianschulz@freistil-theater.de
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der Zuschauer
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