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Interview
mit Christian M. Schulz (erschienen in der Uni-Zeitung "Alberta" im
April 2004)
Im letzten Semester fand auf der Bühne der Mensabar ein
bisher nicht dagewesenenes Experiment statt: Unter
dem Titel „Egonstraße“ startete hier Freiburgs
erste
und noch dazu interaktive Studentensoap. Stilmittel
des Improtheaters und der klassichen Dailysoap wurden
mit Themen aus dem Freiburger Studentenalltag
verquickt. Heraus kam eine serielles Theaterstück,
dass bisher fünf Abende lang gedauert hat und dessen
Handlung Wendungen nahm, von denen weder Schauspieler
noch Regisseurr vorher etwas geahnt hatten. Denn in
der Egonstraße dürfen die Zuschauer bestimmen wie es
weitergeht – durch Abstimmungen per Internet oder
einfach per Vorschlag aus dem Publikum.
Die Idee
kam gut an: Im
Sommersemester wird die zweite Staffel der Unisoap
produziert. Alberta sprach mit Organisator und
Regisseur Christian M. Schulz.
Die Egonstraße überträgt das Konzept Fernsehserie
auf
eine Bühne - funktioniert das atmosphärisch?
Ja, sogar sehr gut. Das Besondere ist, dass der
Zuschauer nicht einfach eine
komplette Serienfolge vorgespielt bekommt,
sondern dass er bei den Dreharbeiten dabei ist. Er
sieht zu wie die Schauspieler die Handlung entwickeln,
wie der Regisseur immer wieder unterbricht und
eingreift. Und er sieht den Kameramann, der permament
präsent ist und die Handlung auch tatsächlich abfilmt.
Das Publikum kann seine Bilder parallel auf einem
Fernsehbildschirm verfolgen.
Habt ihr aus dem Material eine „echte“ Fernsehserie
zusammengeschnitten?
Nein, aber der Kameramann produziert nach jeder
Folge eine „Was bisher geschah“ Zusammenfassung der
Handlung.
Die stellen wir ins Internet und zeigen sie auch
nochmal vor der nächsten Folge auf einer Großleinwand.
Habt ihr ein echtes Serien-Stammpublikum?
Ja, z.T. schon. Wir machen vor dem
eigentlichen „Drehbeginn“ immer ein Publikums-Warmup,
bei dem wir fragen, wieviel wir erklären müssen. Dabei
hat sich rausgestellt, das teilweise 80 Prozent des
Publikums schon mindestens einmal vorher da waren. Die
Leute kommen wieder, weil sie wissen
wollen, wie es weitergeht.
Zu eurem Konzept gehört es, möglichst
oft das Publikum
einzubinden, wie genau sieht das aus?
Zunächst mal darf das Publikum den Titel der neue
Folge bestimmen. Und während des Stückes frage
ich die
Zuschauer immer wieder, wie es weitergehen soll.
Außerdem gibt es
in der Pause die Möglichkeit, auf Zetteln
Vorschläge für die weitere Handlung zu schreiben, das
nutzen viele. Wir haben auch angefangen,
Statisten aus dem Publikum einzubauen, das hat super
geklappt. Und wir haben herausgefunden, dass man im
Publikum eigentlich alle Requisiten bekommen kann, die
man so braucht. Das die dann auch ein wenig
improvisiert sind, ist eher produktiv. Wir haben zum
Beispiel nach etwas gefragt, das ungefähr so aussieht,
wie eine Unterhose. Aus dem Publikum kann ein
Handschuh. Während des Spiels hat sich dann
herausgestellt, dass es ein spezieller Hodenwärmer
war....
Eure Zuschauer sollen ja auch übers
Internet
abstimmen, wie es weitergehen soll – gibt es
tatsächlich Beteiligung übers Web?
Ja, die Beteiligung
war zahlenmäßig von anfang
an
recht gut, es kamen immer so um die 30 Vorschläge
rein. Nach der Folge "Tassilo, kannst du mir mal ein Kondom
leihen?" hatten wir allerdings
viele Vorschläge à la „Sex in der Küche“,
und
schlimmeres, sowas lehnen wir inzwischen gleich ab.
Das
heißt aber nicht, dass es prüde zugeht: Britta hat auf
der Bühne schon mal ziemlich ausführlich rumgeknutscht
– selbstverständlich nur, weil es die Rolle
erforderte.
Was ihr aus den Vorschlägen der Zuschauer macht,
könnt
ihr ja immer noch selber steuern. In welche Richtung
lenkt ihr die Serienfolgen?
Natürlich ist vieles, was auf der Bühne passiert,
ziemlich unterhaltsam. Aber wir wollen die Zuschauer nicht nur
zum Lachen bringen, sondern ihnen auch etwas bieten,
das mit
ihrem eigenen Leben zu tun hat. Das hat bisher
ganz gut geklappt. Neben den ganzen Beziehungsthemen,
gab es zum Beispiel auch eine Folge, die davon
handelte, das Britta überlegt, ob sie ihr PH-Studium
hinschmeißen soll. Das ist ja eine Situation, die
die meisten Studierenden irgendwann mal durchmachen.
Und wie entscheidet
sich Britta?
Über die Auflösung des inneren Konfliktes durfte das
Publikum bestimmen. Das neigt dazu, sich manchmal
ungewöhnliche Sachen auszudenken. Sie wählten: "Britta
entdeckt plötzlich übersinnliche Fähigkeiten an
sich
und will sich daraufhin an der Uni im Fach Parapsychologie
einschreiben." Sowas ist für Schauspieler
und Regisseur
eine Herausforderung: Einerseits wollen wir diese Ideen
aus
dem Publikum natürlich umsetzen, andererseits können
wir solche
Wesensveränderungen nicht auf Dauer mitschleppen,
sonst wäre
die ganze Serie irgendwann reichlich abgespaced. Also
habe ich Britta am Ende der Folge gegen eine Türrahmen
laufen lassen und
dabei hat sie ihre übersinnlichen Fähigkeiten
wieder verloren...
Eure Publikum hat offenbar Lust am Absurden.
Natürlich will sich das Publikum amüsieren. Wenn
sie solche Vorschläge machen, hoffen sie, witzige
Szenen zu sehen. Aber es will uns auch
herausfordern, prüfen: Schaffen die das? Wenn Sie
dann sehen, dass wir mit einer Herausforderung
klar
gekommen sind, finden sie das richtig toll.
Du hattest ja sicher
vor der Beginn der Staffel eine
Vorstellung wie alles Laufen sollte – hat die sich
erfüllt?
An sich schon - trotzdem war es für mich als Regisseur
ein Lernprozeß. Ich musste zum Beispiel ein Gefühl
dafür kriegen, die Publikumsbeteiligung richtig zu
dosieren. Das ist nämlich eine Gratwanderung: Mische
ich mich zuviel ein, mögen die Zuschauer das nicht.
Mische ich
mich zu wenig ein, kann es passieren, dass die Dinge
aus dem Ruder laufen. Vom Erfolg bin ich eher positiv überrascht.
Ich hab mir am Anfang gedacht, wenn
jedesmal so hundert Leute da sind, ist es schon gut.
Tatsächlich waren es aber immer zwischen 180 und 200
Zuschauer. Deswegen haben wir jetzt auch richtig Lust
weiterzumachen.
Die Fragen stellte Susanne Merkwitz.
Die Titel und Inhaltsangaben der 13 Folgen: Hier
Die Steckbriefe von Robbie, Manu, Tassilo, Britta, Sylvia und
Hasso Hartmann: Hier
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